Tasting: Macallan Gold, Macallan 10 Sherry Oak und Speymalt 2002 von G&M im direkten Vergleich



Immer häufiger verzichten schottische Whisky-Destillerien auf eine Altersangabe bei ihren Abfüllungen und versehen die Flaschen stattdessen mit klangvollen Namen wie „Schneephönix“, „Sturm“ oder „Gold“. Aber ist dieser neue Trend auch tatsächlich im Sinne des Verbrauchers? Oder hilft er nur den Herstellern, über leergekaufte Lagerhallen und zuwenig alte Fässer hinwegzutäuschen?

Margaretemarie will es genau wissen und unterzog die neueste No-Age-Abfüllung der Speyside-Destillerie „The Macallan“ einem Vergleichstest:
Kann der neue „Macallan Gold“ ohne Jahresangabe den 10jährigen Sherry Oak der Brennerei ersetzen? Oder ist der 9 Jahre alte Speymalt von Gordon & MacPhail die bessere Alternative?

 





Die Testgruppe bestand aus 5 Personen, 3 männliche und 2 weibliche Malt-Enthusiasten. Durchgeführt wurde der Vergleichstest auf einer Gartenterrasse bei milden Temperaturen und Sonnenschein am Spätnachmittag. Den Anfang machte der 10jährige Macallan, der damit den Standard vorgab, an dem die anderen gemessen wurden. An zweiter Stelle wurde Macallan Gold verkostet, den Abschluss bildete der Speymalt von 2002/2011.

Bei den Herren ergab sich am Ende ein nicht ganz eindeutiges Bild: Sieger wurde zweimal Gold, einmal Speymalt, auf den zweiten Rang kam zweimal Macallan 10 und einmal Speymalt. 
Bei den weiblichen Testpersonen war das Ergebnis hingegen sehr eindeutig: beide favorisierten „The Macallan Gold“ vor Speymalt 2002. Der 10jährige Macallan wurde beim weiblichen Teil der Testgruppe das Schlusslicht.
Damit war „Macallan Gold“ mit 4 von 5 Stimmen überraschend der Gewinner des Wettbewerbs. „Macallan 10 Sherry Oak“  wurde zwar als gut befunden, hatte es aber im direkten Vergleich bei keiner der Testpersonen an diesem sonnigen Tag auf den ersten Platz geschafft. Gut geschmeckt haben alle drei, und wir haben einen wunderschönen und entspannten Nachmittag gehabt. Nochmals ein großes Dankeschön an meine Mit-Tester für ihr Engagement, ihre Unterstützung und ihren Sachverstand!

Und hier die Ergebnisse im Detail:

 

„The Macallan Gold“:
Handrücken: Malz mit buttriger Süße.
Aroma: ein Hauch Vanille und Karamell, frische, helle Früchte, Orange, auch etwas Apfel, Sherry.
Geschmack: Dieser Whisky küsst die Zunge wach und eignet sich deshalb ausgezeichnet als Aperitif oder als Begleiter zu einer leichten Vorspeise. Er läuft frisch und spritzig über die Zunge und überzeugt vor allem durch sein angenehmes Prickeln von Ingwer und Pfeffer auf der Zungenspitze, das unglaublich lange anhält. Der klassische „Abgang“ fehlt, das „Finish“ bleibt vielmehr auf der Zungenspitze liegen, bis es langsam verglüht. Die warme, goldgelbe Farbe des Whiskys im Glas harmoniert wunderbar mit den warmen. goldgelben Strahlen der allmählich untergehenden Spätnachmittagssonne.
Mit Wasser wird der Whisky milder, Marzipannoten kommen dazu, das Prickeln verschwindet.
Margaretemarie meint: Optimal als Aperitif, um den Abend einzuläuten oder eine Gartenparty zu beginnen.

„Speymalt 2002/2011 G&M“:
Handrücken: herbes Malzbier, weniger süß als das Original.
Aroma: Floral, frisches Kaninchenstallstroh, Karamell, Beerenfrüchte, ein Hauch Schokolade, Sherry-Töne.
Geschmack: intensiv, würzig, Anis – mit einem deutlich stärkeren Antritt als der 10jährige. Auch dieser sherryfassgereifte Whisky stammt aus der Brennerei "The Macallan", aber abgefüllt wird er von der traditionsreichen Firma "Gordon & MacPhail". Die 43 %Vol, mit denen G&M abfüllt, machen sich hier bemerkbar, die drei Prozent mehr Alkohol bedeuten auch mehr Geschmack. Insgesamt sehr ausgewogen, ausdrucksstark, mit einem angenehmen Finish. Mit Wasser noch runder.
Margaretemarie meint: Optimal um einen schönen Sommerabend in Ruhe ausklingen zu lassen, entweder als Digestif,  zum Schokoladendessert oder gemütlich auf der Couch, mit einem guten Buch oder einem lieben Menschen. Das Betthupferl bevor man schlafen geht.

The Macallan 10 years Sherry Oak
Handrücken: süßes Malzbier.
Aroma: Barrique, Sherry-Noten, Karamel, ein Hauch von Rauch und Vanille, dunkle Schokolade.
Geschmack: Rund, weich, mit leichter Süße und leichtem Rauch, am Ende leichte Bitterkeit, sehr harmonisch und rund. Er ist ein perfekter Begleiter für einen Abend in der Hotelbar, und schmeckt auch noch nach dem dritten Glas. Doch im Direkt-Vergleich mit den Konkurrenten bleibt er blasser, vielleicht hätten ihm ein paar Volumenprozente mehr gut getan. Mit 40 %Vol liegt er bereits an der untersten Grenze, Wasser ist hier nicht mehr nötig, gibt man es dennoch hinzu, wird er härter, bitterer, verliert die Harmonie.
Margaretemarie meint: dieser Whisky ist gut, aber fast zu rund und nicht wirklich außergewöhnlich. Wenn die Vorräte knapp und die Preise astronomisch werden, sollte man lieber auf Hamsterkäufe verzichten und das Geld gleich in den 18jährigen investieren...

Fazit: Mit "Macallan Gold" ist der Brennerei tatsächlich ein beachtenswerter Whisky gelungen, der gewiss schnell seine Freunde finden wird. Zwischen 9 und 15 Jahre soll der Whisky alt sein, der hier zum Einsatz kommt, und zu 100% in Ex-Sherry-Fässern gereift. "Gold" schmeckt keinesfalls wie eine Billiglösung, um dem Kunden junge Fässer heimlich "unterjubeln" zu können, sondern er zeigt eindrucksvoll, was ein guter Master Blender aus den vorhandenen Fässern herausholen kann, wenn er die Freiheit dazu hat. Dass wir bei Sonnenschein und VOR dem Essen getestet haben, sollte nicht übersehen werden. 



Und [hier] geht es zum nächsten Test:
Der neue Macallan  Amber im Vergleich mit Sherry Oak 12 und Fine Oak 12!


Kommentare

  1. Super Experiment mit einem erstaunlichen Ergebnis.

    Klar ist das jetzt nicht repräsentativ, aber das ist doch mal ein etwas anderer Versuch, sich diesem Thema auch einmal etwas "objektiver" zu nähern.

    Besten Dank!

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Chairwalker, ich habe mittlerweile den Gold noch öfter probiert, ich finde ihn nach wie vor lecker. In kürze folgt die nächste Runde mit Amber. Ich bin auf das Ergebnis schon sehr gespannt. Und mir ist, ehrlich gesagt, eine gute, bezahlbare No-Age-Abfüllung lieber als ein normaler 12jähriger, für den ich dann irgendwann 60 oder 70 Euro oder noch mehr zahlen muss...
    LG mm

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