Abomination: wie abscheulich ist die Abscheulichkeit?

 "So gut wie ein 30 Jahre alter Caol Ila", jubelten die einen. "Seelenloses High-Tech-Produkt" schimpften die anderen. Kaum ein Whisky hat in den letzten Wochen die Gemüter so sehr erhitzt wie der "Abomination" von der amerikanischen Firma Lost Spirits Distillery, und in diversen Facebook-Gruppen lieferten sich die Anhänger und die Kritiker erbitterte Wortschlachten. Dabei ist es - an europäischen Standards gemessen -  nicht einmal Whisky. Dennoch fand die "Abscheulichkeit" Eingang in Jim Murrays Whiskybibel 2018, und wurde mit traumhaften 94 Punkten bedacht.


Foto: MargareteMarie

Vielleicht wäre Jim Murrays überaus positive Bewertung ohne nennenswerte Folgen geblieben, hätte das Unternehmen mit Sitz in Kalifornien nicht lauthals damit geprahlt, dass ihr Produkt besser als die meisten schottischen Whiskys sei. Sofort wurden in den sozialen Medien von begeisterten Fans waghalsige Vergleiche angestellt. So gut wie ein 10- oder 20 Jahre alter Islay Whisky sei er. Sogar mit einem dreißig Jahre alten Whisky wurde er auf eine Stufe gestellt.

Dabei ist das Produkt weniger als drei Jahre alt und darf sich in Europa auch nicht Whisky nennen. Auf dem Etikett ist man entsprechend vorsichtig mit den Formulierungen: "Heavily peated malt" heißt es dort, und "fermented and distilled peat smoked malted barley, seasoned American oak".

Die inoffiziellen Angaben sind etwas detaillierter: Als Ausgangsmaterial diente 12 bis 18 Monate alter Islay-Spirit aus rauchigem Gerstenmalz, der aus Schottland importiert wurde. Dieser soll dann 6 Tage lang in einer Art "schnellem Brüter" zusammen mit speziellen, mit Riesling Spätlese getränkten Holzdauben einer besonderen Behandlung unterzogen worden sein. Da Riesling Spätlese nicht in Fässern reift, mussten diese Holzdauben entsprechend präpariert werden. Dazu wurde der Wein mit den Holzdauben im Reaktor gereift, der Wein wurde anschließend weggegossen und das damit behandelte Holz wurde nun zur Whiskyproduktion benutzt.
 
Abomination - die Abscheulichkeit,
Foto: MargareteMarie


Die neuartige Technologie, die Firmenbesitzer Bryan Davis und Joanne Haruta entwickelt haben, basiert angeblich auf dem Zusammenspiel von Licht und Hitze. Eichenholz wird dabei intensiven Lichtwellen und Hitze ausgesetzt, während es sich in einem Glasbehälter befindet, der mit frischem oder jungem Destillat gefüllt wird. Angeblich werden bei diesem photokatalytischen Vorgang Holzpolymere aufgebrochen und die gleichen chemischen Prozesse in Gang gesetzt, wie sie in schottischen Lagerhäusern über Jahre hinweg langsam vonstatten gehen.

Ich bin kein Chemiker, und habe den "schnellen Brüter" auch noch nicht selbst in Aktion erlebt, ich werde es mir deshalb sparen, an dieser Stelle auf die Technologie einzugehen. Ein schöner und ausführlicher Hintergrundbericht  über die Brennerei, die in Los Angeles regelrechten Kultstatus hat, mit vielen tollen Fotos findet sich hier: Lost Spirits Distillery

Mich interessiert ganz einfach nur: ist er wirklich so gut, wie die Firma behauptet? In Deutschland ist der Abomination derzeit bei einigen ausgewählten Händlern recht problemlos erhältlich, Importeur ist das Nürnberger Whiskyfässla. Man sollte allerdings einige Tage Lieferzeit einplanen.

Foto: MargareteMarie


Vom Abomination exisiteren verschiedene Variationen, die sich nur durch Kleinigkeiten unterscheiden. Ein netter Side-Kick sind die Namen, die sie tragen: sie wurden nach verschiedenen Kapiteln aus dem Buch "The Island of Doctor Moreau" benannt. Autor des Buches ist  H.G. Wells, der mit seinem Roman "Die Zeitmaschine" 1895 zu Weltruhm gelangte. Die Anspielung ist nicht zu übersehen. Die vorliegende Abfüllung  heißt "Sayers of the Law". Hierzu wurden die Holzdauben stark gekohlt (charred), für die Variante "The Crying of the Puma" wurden die Holzdauben nur getoasted.



Meine Tasting Notes: 

Abomination, Sayers of the Law, Lost Spirits Distillery, whisky-ähnliche Spirituose, 54%. 


Farbe:

ganz dunkles Mahagoni


Aroma:

gleich zu Beginn Schinkenspeck und Räucherhäuschen, mit sanftem Holzrauch, Schokolade, Kaffee, und einer sehr dezenten Teernote. Etwas schwächer auch süßere Töne, viel Sirup und der säuerliche Geruch von weißem Wein. Insgesamt sehr angenehm und rund.


Geschmack:

etwas flach, weniger komplex als erhofft, leicht bitter, Röstaromen, unreife Nüsse, recht  trocken und sehr holzlastig, mit einer angenehmen Öligkeit

Nachklang:

eher kurz


Fazit: 

Kein Zweifel, der Abomination ist sehr gefällig, und auch recht süffig. In einem Blind Tasting würde er mit Sicherheit viele Fans haben. Innerhalb seiner Kategorie hat er die hohe Punktzahl in Jim Murrays Whisky-Bibel durchaus verdient. Wohlgemerkt: Innerhalb seiner Kategorie.

Ich habe eine Weile gebraucht, bis mir bewußt wurde, was mich irriterte, und was ich vermisste. Bei einem komplexen Whisky tauchen die Aromen nacheinander auf, sie sind wie Schichten, die man eine nach der anderen frei legen kann, oder wie Wellen, die immer wieder neue Aromen nach oben spülen, und immer wieder und wieder für neue Entdeckungen sorgen. Der Abomination "heavily peated"  hat keine Wellen und auch keine Schichten. Er ist wie ein Eintopf. Alles gleichzeitig. Und ein Löffel ist wie der andere.

Am Ende fühle ich mich etwas betrogen. So, als habe mich jemand zu MacDonalds gelockt mit dem Versprechen, dass die Burger hier genau so gut schmecken wie ein echter texanischer Burger aus texanischen Rindern, der über echtem Feuer aus Mesquite-Holz gegrillt wurde. Und alles was ich bekomme, ist ein Fast-Food Produkt mit Barbeque-Soße.

Ein Facebook-Freund hat es auf den Punkt gebracht. Der Abomination schmeckt lecker. Aber Genuss ist etwas ganz anderes.

Mein Tip: Warum sich nicht ein Buch von jenem Autor besorgen, der auf dem Etikett zitiert wird, und beim Lesen sich diese Spirituose gönnen? Er würde dadurch endlich jene Dimension bekommen, die ihm bisher fehlt: die Dimension der Zeit! 

Viel Spaß beim Bildungstrinken :-)


Hinweis: Ich danke an dieser Stelle niemandem, ich habe die Flasche selbst bezahlt.

Foto: MargareteMarie


Kommentare

  1. "Ich danke an dieser Stelle niemandem, ich habe die Flasche selbst bezahlt."

    :-)

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