"Halloween Was Yesterday" oder wie man einen guten Blend herstellt.

Die renomierte Scotch Malt Whisky Society hatte vor zwei Jahren nach einem Besitzerwechsel viel Kritik einstecken müssen. Die Verträge einiger Franchise-Partner wurden gekündigt, das Design neu gestaltet und das Konzept verändert. Inzwischen haben sich die Gemüter wieder beruhigt, und die SMWS ist in Deutschland an mehrerer Orten durch neue Partner vertreten. In Frankfurt kam es jetzt zu einem Wechsel: Gregor Haslinger hat der Society sein kleines Whisky-Reich geöffnet und vor ein paar Tagen mit einem fulminanten Blending-Kurs seinen Einstand gegeben. Das wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen.


Die Society

Den meisten Whisky-Nerds muss ich die SMWS sicherlich nicht mehr groß vorstellen. Für diejenigen, die mit diesem Namen nichts anfangen können, sei kurz gesagt: die Scotch Malt Whisky Society (SMWS) ist Grunde genommen ein Unabhängiger Abfüller, der jedoch ein etwas ungewöhnliches Geschäftsmodell verfolgt. Denn um die Flaschen kaufen zu können, muss man Mitglied im Club der SMWS werden. Das kostet auch Gebühren. Im Gegenzug erhält man einige Vergünstigungen, wie sich das für einen echten britischen Club gehört.

Einige von euch werden sich noch lebhaft an die hohen Wogen erinnern können, die der Besitzerwechsel vor zwei Jahren geschlagen hatte. Die Glenmorangie Plc. hatte die prestige-trächtige Society 2015 an eine Gruppe von privaten Investoren verkauft, und einige ehemalige Geschäftspartner und viele Mitglieder der Society waren über die damit verbundenen Veränderungen alles andere als erfreut.

Was geblieben ist: man muss nach wie vor Mitglied der SMWS sein, um ihre Einzelfass-Abfüllungen erwerben zu können. Doch die Art der Präsentation in Deutschland hat sich seither sehr gewandelt, es gibt inzwischen mehrere Standorte, an denen regelmäßig Tastings mit Abfüllungen der Society angeboten werden. Das schöne dabei: man kann auch als Nicht-Mitglied für einen geringen Aufschlag ein Ticket über die Website der SMWS erwerben.


Auch Frankfurt gehört zu den bisherigen Standorten der SMWS-Events, doch hier hat sich vor kurzem still und leise  eine kleine Veränderung ergeben: die Tastings werden in Zukunft in den Tasting-Räumen von Gregor Haslinger (Whisky Spirits) abgehalten. Am 1. November konnte Gregor seinen Einstand mit einem tollen Thema geben und im Namen der Society die Teilnehmer in die hohe Kunst des Whisky-Blendings einführen.

Die Location

Da der Termin für mich diesmal gut gepasst hat, wollte ich mir dieses Top-Event nicht entgehen lassen. Gregor gehört zu den erfahrensten Whisky-Spezialisten in unserem Land, und ist den Frankfurter Ardbeg-Fans mit Sicherheit ein Begriff: In Gregors Laden befindet sich auch eine der wenigen "Ardbeg-Embassys" in Deutschland, und seine Sammlung an Ardbeg-Abfüllungen ist beeindruckend. 

Konzentriertes Arbeiten: zunächst müssen die Aromen definiert werden. Foto: MargareteMarie
  

Als ich in den Räumen von Whisky-Spirits in der Frankfurter Wallstraße ankam, waren die übrigen Teilnehmer - übrigens alles Männer - bereits vollzählig. Es ging also gleich los mit dem Verkosten der ausgewählten Whiskys, die als "Zutaten" für den Blend dienen sollten, den wir dann später selbst kreieren durften. 

 Die Whiskys

Wir haben die Whiskys zunächst "blind" verkostet, also ohne Angaben von Brennereinamen, und ich war beeindruckt von der hohen Qualität der Abfüllungen. Fünf Whiskys standen zur Auswahl, und wir haben unsere Nasen tief in die Gläser eingetaucht, um zunächst herauszufinden, was uns an Aromen  zur Verfügung stand.   Wir waren uns alle sehr schnell einig, dass wir  einen absoluten Premium-Blend erschaffen würden.

Gregor Haslinger und die "Zutaten" für unseren Prämium-Blend. Foto: MargareteMarie

Schließlich hat Gregor dann das Geheimnis gelüftet und uns verraten, welche Köstlichkeiten auf dem Tisch vor uns standen: 

1. ein 15 Jahre alter Craigellachie, der die ersten 12 Jahre seines Daseins in einem Ex-Bourbon Hogshead verbracht hatte, ehe er in ein second-fill Sherry Butt umgefüllt wurde, 58.2%. Schöne Süße, kräftige Malznoten und helle Früchte prägen ihn. Sehr gefällig.

2. ein 16 Jahre alter Glen Moray aus einem refill Sherry Butt, 59.5%. Eine der Überraschungen des Abends. Viele dunkle Früchte, eingelegt in schweren Sirup, mit Nelken, Zimt, Feigen, Pflaumen und Nüssen. Beeindruckend.

3. ein 25 Jahre alter Longmorn aus einem refill Bourbon Hogshead, 54.6%. Unglaublich seidig, mit Apfel- und Zitrusnoten, dahinter Vanille, Banane und Mandel. Die offiziellen Tasting-Notes versprechen geröstetes Walnuss-Öl. Mein Liebling des Abends.

4. ein 14 Jahre alter Highland Park aus einem refill Bourbon Hogshead, 56.6%. Süße und saftige Pfirsiche, Mirabellen, leicht kräutrig, Krebsfleisch. So glockenklar wie die Stimme von Joan Baez. Auf der Zunge plötzlich angenehme Asche. Ein ungewöhnlicher HP.

5. ein 28 Jahre alter Single Grain aus der Cameron Bridge Distillery, der in Hogsheads aus amerikanischer Eiche lagerte und ein Finish in Virgin Oak erhalten hatte, 53.7%. Feigen, Bananen, Rosinen, und viele Weihnachtsgewürze. Fantastisch.

Als Vorbild wurde uns der erste offizielle Blended Malt der SMWS, der "Exotic Cargo", präsentiert. Obwohl ich ihn sehr gelungen fand, hat er uns nicht wirklich weiter helfen können. Der Exotic Cargo enthält keinen Grain, besteht ausschließlich aus 10 Jahre alten Whiskys aus echten Sherry Hogsheads und hat wenig mit den Whiskys zu tun, die für dieses Blending Seminar ausgewählt worden waren. Aber sehr lecker war er trotzdem.



Die Aufgabe


Jetzt konnte es endlich mit dem Blenden losgehen. Gregor füllte zunächst die Whiskys in kleinere Flaschen um, damit wir problemlos mit Hilfe von Pipetten die entsprechende Mengen entnehmen konnten. Dann wurde in einem separaten Glas mit Kleinstmengen experimentiert. Die wichtigste Frage war: wo sollte die Reise hingehen, sprich, welches Aroma-Profil soll mein Whisky haben? Und wie hoch soll der Grain-Anteil sein?

Die Standards der Industrie variieren: die billigeren Blends benutzen normalerweise 80% Grain, 20% Single Malt, die etwas besseren arbeiten mit einem Mischungsverhältnis von 60 zu 40. Einige hochwertigere Blends, wie etwa der (ehemalige) The Bailie Nicol Jarvie von Glenmorangie oder der irische Blend J.J. Corry The Gael kehren das Mischungsverhältnis um und enthalten nur 40% Grain und 60% Malt Whisky.


Die Umsetzung

Da ich mich immer nur sehr schwer entscheiden kann, habe ich dann auch gleich den typischen Anfänger-Fehler gemacht: ich wollte alles. Also viel Frucht, viel Malz, viel Nuss, viel Sirup.Doch zu meiner großen Überraschung musste ich erkennen, dass sich der Craigellachie und der Glen Moray nicht unterstützen, sondern gegenseitig nivellieren. Wenn man sie in gleichem Verhältnis einsetzt, dann nimmt einer dem anderen die Kraft und den Glanz, und was im Glas verbleibt, ist langweilig und stumpf.


Der Grain hingegen war ein echter Allrounder, und hat sich sehr gut mit allen anderen vertragen. Ich musste mich also entscheiden, ob ich süß und fruchig oder nussig und würzig wollte. Da ich ein Freund von Fruchtbomben bin, habe ich mich für süß und fruchig entschieden, mit viel Craigellachie, Longmorn und Cameron Bridge, einer großen Prise Highland Park und einer kleinen Prise Glen Moray. Das Ergebnis war exrem schwer und süß, schon fast zu süß.

Erst nach dem dritten Versuch war ich mit dem Ergebnis zufrieden. Ein Name für meinen Blend war schnell gefunden: "Halloween was Yesterday". Und ja, es ist ein NAS-Blend. Denn auf das Etikett 14 Jahre zu schreiben, wäre bei diesem Inhalt schon ein Sakrileg.



Was habe ich also mitgenommen an diesem Abend? Zunächst einmal habe ich ein kleines Fläschlein mit einem einmaligen Blended Malt in einzigartiger Super-Premium Qualität erhalten, den ich selbst kreiert habe. Und ich habe endlich verstanden, warum es so wichtig ist, dass ich das Aromaprofil meines Whiskys kenne. Ich habe auch auch erlebt, wie unberechenbar sich die Aromen verhalten, wenn man verschiedene Whiskys zueinander bringt. Ich habe jetzt noch größeren Respekt vor den Profis der Industrie, die immer wieder wunderbare Blends auf den Markt bringen.

Mein Rezept: (Circa-Angaben):

30% Cameron Bridge
25% Craigellachie
30% Longmorn
7.5 % Glen Moray
7.5% Highland Park


Als ich mich irgendwann mit meinem eigenen Blend auf den Heimweg machte, war es schon weit nach Mitternacht. Der Abend war extrem kurzweilig, die Teilnehmerrunde sehr sympathisch und ich habe wieder einmal sehr viel gelernt. Herzlichen Dank an Gregor für diesen fantastischen Abend.

Es dauert ja immer ein Weilchen, ehe die Aromen zueinander finden, und ich war sehr gespannt, wie mein Blend am nächsten Tag schmecken würde.

Konnte ich das Aroma erreichen, das ich mir vorgenommen hatte?  Ein Blick auf die folgenden Tasting-Notes wird euch verraten, ob ich mit dem Ergebnis zufrieden war.

Und hier die Tasting-Notes für meinen super-duper-Premium-Blend (verkostet am nächsten Tag):

Halloween Was Yesterday, Blended Whisky, NAS, extremely limited edition, ca. 56%: 


Aroma: 

Das erste, was mir entgegenströmt, ist ganz viel Haselnuss-Aroma. Es folgt eine seidenweiche Süße, Banane, Vanille, Feigen, frisches Brot und Marzipan. Dann kommen Pfirsiche und  Maracujasaft. Ein Hauch Sherry stellt sich ein. Schon bald gesellen sich  Zitrusnoten  und Röstaromen dazu und streiten um die Vorherrschaft. Nach einer langen Weile taucht süßer Blütenduft aus der Tiefe empor, und erinnert an lange Abende in warmen Sommernächten.

Die Zugabe von etwas Wasser läßt die Zitrusaromen aufblühen und macht ihn zu einem idealen Begleiter an einem entspannten Sommerabend.

Geschmack: 

weich, aber dennoch kräftig im Geschmack, mit ganz viel Schokolade und saftigen Kirschen, gerösteten Nüssen und einer kräutrigen Würze. Am Nachbartisch raucht jemand eine Zigarre. Die Zugabe von Wasser läßt die Schoko-Kirsch-Torte heller werden.

Nachklang:

unglaublich lang und ergiebig. Passt wunderschön zu cremiger Nougat-Schokolade.

Fazit:

Der "Halloween Was Yesterday" zeichnet sich durch eine große Komplexität und Seidigkeit aus, und immer wieder werden neue Fruchtaromen nach oben gespült. Doch durch den Wettstreit von Zitrusnoten und gerösteten Nüssen wirkt er etwas unentschlossen. Die Kombination mit hochwertigen Nougat-Pralinen hilft, die Schwäche zu verbergen. Die Zugabe von Wasser macht ihn gefälliger, aber auch blasser. Ein gelungener Versuch, aber noch nicht perfekt, die Margarete darf gerne noch ein bißchen üben ;-)


Hinweis: An dieser Stelle danke ich niemandem, ich habe das Ticket für die Teilnahme selbst bezahlt.

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