Bourbon Legends: Fred Noe in Frankfurt.

Als ich Fred Noe bei den Bourbon Legends in Frankfurt treffe, hat er einige anstrengende Tage hinter sich. Er ist müde an diesem Abend, doch er wird nicht müde, über Bourbon zu reden. Der Urenkel von Jim Beam ist der beste Markenbotschafter, den sich eine Brennerei nur wünschen kann. In Frankfurt stellte er einige Bourbon-Legenden vor -  und ist mittlerweile schon selbst legendär.



Es ist schon spät, als ich in Frankfurt im Depot 1899 ankomme. Der Verkehr in der Mainmetropole hat mir wieder einmal seine eigene Zeitmessung diktiert, und ich fluche innerlich und hoffe, meinen Time-Slot nicht zu verlieren. Denn ich will hier eine gewichtige Person treffen, eine echte Whisky-Legende: Fred Noe, Master Distiller bei Jim Beam in der 7. Generation und Urenkel von James (Jim) Beam, ist für drei Tage in Deutschland zu Gast. Ich möchte den Großmeister des Kentucky Straight Bourbon auf keinen Fall verpassen.

Die Gruppenführung, für die ich eingebucht war, hat schon angefangen. Doch der nette Herr am Eingang ist verständnisvoll und bucht mich einfach auf die nächste Führung um. Das gibt mir etwas Zeit, mich in Ruhe umzusehen.



Der Veranstaltungsraum des Depot 1899 ist für drei Tage lang in eine stimmungsvolle Pop-up Bar verwandelt worden. Viel Holz, gedämpftes Licht und  Brennerei-Requisiten  verbreiten Wohlfühl-Atmosphäre und erinnern an amerikanischen Blockhütten-Charme aus alten Fernseh-Serien. Man soll sich fühlen wie in einer Brennerei in Kentucky. So gemütlich wie hier wird es in den riesigen  Brennereien von Jim Beam in Clermont und Boston wohl nicht zugehen.



Aber mir gefällt's, und die vielen Fässer an der Wand erinnern tatsächlich an ein Whiskylager. Man muss schon genau hinschauen, um zu merken, dass es eigentlich französische Weinfässer sind, die zur Dekoration des Depots gehören.



 Schließlich geht es los. In der ersten Abteilung, der "Cooperage", erklärt uns Daniel Scholl die Grundlagen des Bourbon und die Besonderheiten der Fassherstellung.

Was ist ein Bourbon?


Was als Bourbon bezeichnet werden darf, regelt der Code of Federal Regulations (title 27, part 5, subpart C). Ein echter Bourbon muss in den USA hergestellt werden, einen Maisanteil von mindestens 51% aufweisen und in neuen, ausgeflammten Fässern aus Eiche gelagert werden. Werden künstliche Aromen zugesetzt, ist es ein "flavored Bourbon" oder "Bourbon infused with...". Ist ein Bourbon mindestens zwei Jahre alt, darf er sich Straight Bourbon nennen.

Eine große Rolle spielt bei der Bourbon-Reifung das Klima in Kentucky: die Poren der Holzfässer erweitern sich im heißen Sommer  und im kalten Winter ziehen sie sich zusammen. Dabei nimmt  der Whisky die Holzaromen der Fässer auf und reift in Kentucky sehr viel schneller als in Schottland, wo die Temperaturunterschiede deutlich geringer sind und das Klima gemäßigter ist.

Wichtig ist auch das Ausflammen der Fässer, das sogenannte Charring: 40-60 Sekunden lang wird das Fass dabei über eine offene Flamme gehalten, im Extremfall sogar bis 4 Minuten. Je nach Dauer und Art der Befeuerung und Abstand zwischen Fass und Flamme können später im Bourbon ganz unterschiedliche Aromen entstehen.

Daniel Scholl

Dann geht es weiter zu nächsten Abteilung, dem Rack House (Lagerhaus), wo Tanja Bempreiksz, die deutsche Markenbotschafterin für Jim Beam, uns ein paar Geheimnisse aus dem Lagerhaus verrät. Es gibt nicht viele Frauen in Deutschland, die von Bourbon so viel Ahnung haben wie Tanja. Und auch nicht viele Männer.

Die Politik des Lagerhauses


Von Tanja lernen wir an diesem Abend einiges über die Besonderheiten der Lagerung. Die Lagerhallen bei Jim Beam sind bis zu 9 Stockwerke hoch, und unter dem Dach können im Sommer locker mehr als 50 Grad herrschen. Ganz unten, im Erdgeschoss, sind die Temperaturen deutlich niedriger. Unter dem Dach reift der Bourbon deshalb viel schneller als in den unteren Etagen, und dort ist auch die Verdunstungsrate viel höher.

Da Wasser schneller verdunstet als Alkohol, steigt in den hohen Lagen der Alkoholgehalt des Whiskys an. Das hat unter Umständen einen kuriosen Nebeneffekt: das gesetzliche Regelwerk für Alkohol (Federal Regulations 27-5-C) schreibt vor, dass Bourbon nur mit maximal 80% Alkoholgehalt (190 Proof) gebrannt und nur mit maximal 62,5% Alkoholgehalt (125 Proof) ins Fass gefüllt werden darf. Läßt man das Fass aber lange genug in einer der oberen Etagen reifen, kann der Alkoholgehalt diesen Schwellenwert tatsächlich übersteigen. Es gibt also tatsächlich Abfüllungen in Fassstärke, die mehr Alkohol enthalten als das Gesetz erlaubt - und trotzdem vollkommen legal sind!

Die Fässer in den unteren Stockwerken haben eine deutlich geringere Verdunstungsrate, sie können viel länger lagern als Fässer aus den höheren Etagen, aber der Alkoholgehalt der Fässer sinkt hier, da die Fässer mehr Alkoholmoleküle verlieren als Wassermoleküle. Gleichzeitig wird der Bourbon dadurch auch milder.

 
Die Fässer für den 12 Jahre alte Bourbon "Signature Craft" beispielsweise werden im Rack House immer ganz unten gelagert. Baker's hingegen darf 7 Jahre lang in Fässern bruzzeln, die ganz oben lagern und deshalb schneller reifen. Dadurch wird er trotz der kürzeren Zeit dunkler, viel stärker im Geschmack und weniger mild als der Signature Craft.

Die Fässer für Booker’s lagern in der mittleren Sektion eines Rack Houses, die für  Basil Hayden’s und Knob Creek liegen in der unteren Mitte bzw. der oberen Mitte, also in den Stockwerken, 3-4 oder 6-7.


Bei Maker's Mark, der ebenfalls zum Konzern BeamSuntory gehört, werden die Fässer rotiert: zunächst lagern sie drei Sommer in den oberen Etagen, dann werden sie umgelagert und reifen noch einmal drei Jahre in kühleren Stockwerken. Zudem enthält Maker's Mark einen hohen Anteil an Winterweizen, was diesen Bourbon zusätzlich noch milder macht. 


Auch Unterschiede in der Rezeptur, der Mash Bill, sorgen für Unterschiede im Geschmack. Ein klassischer Bourbon, wie beispielsweise der Signature Craft, besteht aus etwa 51%  Mais, ca. 30-40  % Gerste und 10-20 % Roggen. Ist der Roggenanteil höher als der Anteil an Gerste, handelt es sich um einen "High Rye" Bourbon. Beträgt der Roggenanteil mehr als 50%, ist es kein Bourbon, sondern ein Rye Whiskey.


Tanja Bempreiksz, Brand Ambassador Jim Beam


Bourbon Legends


Und dann stehen wir schließlich Fred Noe persönlich gegenüber. Nur drei Stationen sind für die Bourbon Legends in Europa geplant: Paris, Frankfurt und Warschau. Und  nur in Frankfurt ist Fred Noe als Gast dabei. Fred ist ein Glücksfall für den Konzern. Er ist das Gesicht von Jim Beam, das den multinationalen Konzern aussehen lässt wie einen einfachen Familienbetrieb.

Und er ist tatsächlich ein "echter" Beam: seine Großmutter Margaret war die Tochter von Colonel "Jim" James Beam, der nach der amerikanischen Prohibition die Firma neu gegründet hatte.  Und der wiederum war der Urenkel von einem gewissen Jacob Böhme, einem deutschen Auswanderer, der in Amerika Whisky brannte. Sieben Generationen sind eine lange Zeit. Und ein gewaltiges Erbe. 
 
Fred Noe, Master Distiller Jim Beam

Wenn Fred Noe über Whisky redet, redet er auch immer über Familienmitglieder und alte Freunde. Booker Noe, Basil Hayden, Baker Beam - ihre Geschichten sind so legendär wie die Whiskys, die nach ihnen benannt sind.

Für Fred ist Whisky mehr als nur ein Geschäft. Es ist sein Leben. "Every bottle we produce is a reflection of my family, so I know it has to be perfect." Die Firma ist längst nicht mehr in Privatbesitz. Doch der Name Beam ist auf der ganzen Welt bekannt. Wahrscheinlich sogar bekannter als der Name des amerikanischen Präsidenten. Über Whisky kann man streiten. Aber nicht über Fred Noe. Er ist inzwischen selbst eine Legende geworden. Und über alle Zweifel erhaben.

Und so reist er seit Jahren unermütlich um die ganze Welt, um als Master Distiller in der 7. Generation das Hohelied des Kentucky Straight Bourbon zu singen, dem Familiennamen Ehre zu machen, Bücher zu signieren, und mit Journalisten und Fans gleichermaßen zu plaudern.




Von Großmutter Margaret Beam hängt in der Pop-up Bar kein Bild an der Wand. Frauen kommen in der Bourbon Welt bisher eher im Hintergrund vor. Und das wird sich wohl so schnell nicht ändern: der Sohn von Fred Noe, Frederik IV, steht schon bereit, um in die Fußstapfen von Papa, Opa und Uropa zu treten. Er wird sich anstrengen müssen. Die Fußspuren, die seine Vorfahren hinterlassen haben, sind groß.







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