Ardbeg Kelpie - was Bill Lumsden dazu sagt.

Über den Kelpie wurde in den letzten Wochen schon alles gesagt - oder vielleicht doch nicht? Hier ist endlich mein Interview mit dem Meister selbst, Dr. Bill Lumsden, Chef-Nase von Ardbeg und Glenmorangie. Denn der war extra nach Berlin gekommen.

Großer Auftritt in Berlin: Der Kelpie wird vorgestellt

Gibt es unter den Ardbeg-Fans noch jemanden, der Dr. Bill nicht kennt? - Wahrscheinlich nicht, denn Bill  gehört zu jener Sorte Menschen, die andere begeistern können und Eindruck hinterlassen. Und außerdem ist der "Director of Distilling and Whisky Creation", wie Dr. Bill Lumsden mit offiziellem Titel heißt, seit Jahren maßgeblich verantwortlich für das, was bei Ardbeg in die Flasche kommt.

In diesem Jahr hat Bill sich wieder die Zeit genommen, zum Ardbeg Day nach Deutschland zu kommen. Oder vielleicht hat er sich auch die Zeit nehmen müssen, denn zwei der Damen aus seinem Team machen gerade Baby-Pause, und da muss der Chef mal wieder selber ran ;-) aber das bleibt unter uns, nicht wahr? Ich habe mich jedenfalls sehr gefreut, Bill wieder sehen zu können und bin eigens dazu nach Berlin gereist.  Denn Dr. Bill  hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg, und auf ehrliche Fragen gibt es auch immer ehrliche Antworten. Und auch diesmal hat er so einiges verraten.

Was man(n) so braucht...

MM: Bill, lass uns mit dem Star des Tages beginnen, mit Ardbeg Kelpie. Worin liegt denn seine Besonderheit?

Bill: Kelpie kam durch meine Liebe zum Wein zu stande. Ich mag fass-gelagerte Weine am liebsten, egal ob Rot- oder Weißwein, vor allem, wenn sie in neuer Eiche gelagert wurden. Ich habe eine große Vorliebe für die Weine von Meursault und Montrachet und es interessiert mich immer sehr, woher die Weinproduzenten ihre Fässer beziehen. Die sind da nämlich sehr wählerisch. Ich habe gute Beziehungen zu dem Faßproduzenten Tonnellerie François Frères in Saint Romain, in Burgund. Ich beziehe von ihnen viele unserer Fässer aus  französischer Eiche, zum Beispiel für Corryvreckan, oder auch die gebrauchten Sauternes-Fässer für Nectar d'Or.

Ich war fasziniert davon, dass manche Weinproduzenten immer einhundert Prozent neue französische Eiche benutzen. Ich habe dann irgendwann erfahren, dass einige auch Fässer aus Rumänien, Jugoslavien und Rußland verwenden, vor allem aus Kostengründen.

Die russische Eiche hat mich besonders interessiert. Man hat mir gesagt, dass sie eine Unterart der französischen Limousin-Eiche ist und die gleichen Eigenschaften hat, aber ich war mir sicher, dass es da Unterschiede geben muss, vor allem im Bezug auf die Porosität, und auch auf den Geschmack. Das war vor ungefähr 15 Jahren, und ich wollte damals unbedingt diese russische Eiche ausprobieren.

Schließlich habe ich dann einen Kontakt zu einer Büttnerei am Schwarzen Meer bekommen, Fanagoria. Ich wollte zwei oder drei Fässer von ihnen haben, zum Experimentieren, aber man hat mir zu verstehen gegeben, dass sie Fässer nur auf Bestellung herstellen, und dass ich mindestens 150 Fässer bestellen muss. Mit 150 Fässern mache ich aber kein Experiment, sondern ein Produkt. Wir haben dann ausgerechnet, wieviele Fässer wir insgesamt für eine Limitierte Auflage benötigen würden.

Ein Problem war allerdings die Finanzierung. Wir mussten 60 Prozent des Preises im Voraus bezahlen, bevor überhaupt ein Baum gefällt war. Da wir nur luftgetrocknetes Holz verwenden, würde es also eine ganze Weile dauern, bis wir unsere Ware endlich erhalten würden. Das war natürlich mit einem Risiko verbunden. Unsere Rechnungsabteilung fand die Idee überhaupt nicht gut, und hat meine Anfrage abgelehnt.

Ich habe die Fässer  trotzdem bestellt. Als die Fässer dann eines Tages ankamen, habe ich zu meiner großen Überraschung gesehen, dass sie sehr dichtprorig waren und mittel bis stark getoasted. Es waren sehr schöne Fässer, aber nur 75 Prozent von ihnen hatten die klassische Größe von 225-Liter-Barrique-Fässern. Die übrigen 25 Prozent waren deutlich größer, sie hatten 350 Liter. Man dachte anscheinend, dass wir auch ein paar Cognac-Fässer gebrauchen könnten.

Wir haben alle Fässer mit frisch gebranntem Ardbeg gefüllt, und das ist jetzt etwa zehneinhalb oder elf Jahre her. Vor drei Jahren habe ich den Whisky aus diesen Fässern dann zum ersten Mal probiert, und war sehr erschrocken. Ich fand ihn viel zu heftig, zu brutal. Wir mussten unbedingt noch andere Fässer dazugeben. Letztes Jahr haben wir dann das Rezept entwickelt, und ungefähr 45% der Mischung stammt aus den russischen Fässern, und der Rest ist klassischer Ardbeg. Und das wurde dann Kelpie.

MM: Das ist ein seltsamer Name für Whisky aus russischen Fässern.

Bill: Ich mag diesen Namen nicht, er bedeutet mir nichts und hat überhaupt nichts mit dem Whisky zu tun. Das ist Marketing-Bullshit. Ich wollte den Whisky Ardbeg KGB nennen, wegen dem Bezug zu Russland. Und wir hatten schon jede Menge Spaß damit, uns auszudenken, wofür diese Buchstaben denn stehen könnten. Wir kamen dann auf Kildalton Grand Bottling, aber Paris sagte "NON Monsieur!", wir durften diesen Namen nicht verwenden.

MM: Wie schade, ich bin sicher, die deutschen Fans hätten das Kildalton Grand Bottling geliebt!

Bill: Ja, ich finde das auch sehr schade, es wäre ein netter Spaß gewesen, und Ardbeg soll ja auch Spaß machen. Jetzt kennst du die wahre Geschichte von Kelpie.

MM: Die Entwicklung war also für dich auch eine Überraschung. Bist du mit dem Ergebnis zufrieden? 

Bill: Also ich mag ihn, er gefällt mir gut. Aber mein Lieblings-Whisky? Nein, das ist er nicht. Er wurde vor kurzem bei den International Whisky-Awards zum "Whisky of the Year" gewählt, was mich sehr überrascht hat. Als der "Signet" im Vorjahr den Titel gewann, war ich nicht überrascht, aber der Kelpie....

MM: Er ist schon sehr anders in seinem Aromaprofil, und die Menschen lieben ja manchmal die Überraschung. Hast du noch andere Überraschungen für uns? 

Bill: Oh, aber ja! Ich kann die große Nachfrage nur dann stillen, wenn wir kontinuierlich experimentieren und Neues ausprobieren. Gillian und ich haben vor ungefähr fünf Jahren mit einer ganzen Serie von verrückten Experimenten angefangen, wobei wir nicht so sehr auf die Fässer schauen, sondern auf andere Dinge, wie etwa verschiedene Gersten-Sorten, Mälz-Arten, Torf-Arten, Fermentierungs-Arten, Hefe-Stämme... wir haben derzeit etwa 20 verschiedene neue Produkte, die nur darauf warten, dass sie auf den Markt kommen. Einige davon werden wahrscheinlich erst dann das Tageslicht erblicken, wenn Brendan mich aus dem Bus gestupst hat und ich längst in Rente bin. Da wird noch viel Neues kommen.

MM: Gibt es schon Pläne für die nahe Zukunft?

Bill: Ich weiß nicht, ob man es noch sehen kann, aber ich hatte vor kurzem eine Bindehautentzündung, und letzte Woche musste ich noch Augentropfen nehmen, und ich habe mit dem Gedanken gespielt, mir eine Augenklappe zu besorgen, und das hat mich auf die Idee mit Piraten gebracht. Wir werden in zwei oder drei Jahren ein AArrrrdbeg-Projekt machen, wie AArrrr bei den Piraten. Ich werde dir nicht verraten, welche Fässer es sein werden, aber es hat etwas damit zu tun, was Piraten gerne trinken.

MM: Dann wird es wohl kein Sherry-Fass werden....

Bill: Mehr verrate ich dir nicht. Ardbeg hat für mich auch viel mit Spaß zu tun, und deshalb vermisse ich Gillian derzeit. Ich bin sehr unorganisiert, mit vielen Ideen, und Gillian sorgt dafür, dass wir die Ideen auch umsetzen. Sie wird zum Glück im September wieder kommen.

MM: Du hast in den letzten Jahren aber nicht nur Experimente gemacht, sondern auch Lagerbestände aufgebaut. 


Der Star des Tages... war doch eigentlich der Kelpie. Oder vielleicht doch nicht?

Bill: Seit etwa zehn Jahren habe ich ganz, ganz tief in den Lagerhäusern alten Ardbeg versteckt, und ich habe auch alte Fässer zurückgekauft. Wir haben sehr viel von Allied Domecq zurück erworben. Als Allied Domecq uns damals die Brennerei verkauft hat, haben wir sehr viele Lagerbestände bekommen. In den letzten zehn Jahren haben sie versucht, möglichst wenig Ardbeg in ihren Blends einzusetzen, und haben uns ihre Fässer zurückgegeben. Allied wurde ja in der Zwischenzeit von Chivas übernommen, und Chivas hat uns freundlicherweise viel zurückverkauft. Wir werden in den nächsten Jahren einige ältere Ardbegs herausbringen. Aber das ist noch vertraulich. Wir hatten letztes Jahr einen 21 Jahre alten Ardbeg herausgebracht -

MM: Ja, und es gibt Gerüchte, dass ein 23 Jahre alter Ardbeg folgen soll. 

Bill: Gerüchte? - Diese Gerüchte sind tatsächlich Tatsache. Ich wollte das Produkt Ardbeg 20something nennen, und das werden wir vielleicht auch auf dem Etikett stehen haben. Aber er ist 23 Jahre alt. Und es ist nicht der Whisky, den wir letztes Jahr schon hatten. Es handelt sich um ein anderes Kontingent an Fässern. Und 25 Prozent der Auswahl stammt aus Sherry-Fässern. Es werden keine Unmengen davon zur Verfügung stehen. Als wir den Ardbeg 21 auf der Website der Brennerei zum Verkauf angeboten hatten - was glaubst du, wie lange es gedauert hat, bis er ausverkauft war?

MM: Zwei Tage?

Bill: 90 Sekunden.

MM: Oh. Habt ihr denn mal darüber nachgedacht, eure Kapazität bei Ardbeg zu erhöhen? Zwei Brennblasen sind ja nicht gerade viel.

Bill: Als wir die Brennerei übernommen hatten, war alles sehr alt und herunter gekommen. Wir konnten damals nur eine maximale Kapazität von Einskommaeins Millionen Litern erreichen. Aber im Verlauf der letzten Jahre hat Micky daran gearbeitet, die Kapazität zu erhöhen. Wir haben jetzt einskommavier Millionen Liter erreicht, indem wir Kleinigkeiten geändert haben, z.B. die Sequenz, mit der die Brennblasen befüllt werden, die Maische-Menge wurde etwas erhöht, die Gärtanks sind etwas voller. Noch mehr können wir nicht tun, und wir sind jetzt an dem Punkt, an dem wir zwei weitere Brennblasen anschaffen und die Kapazität verdoppeln müssten. Ich bin aber etwas nervös bei dem Gedanken, denn die Qualität darf nicht leiden. Das wäre das Schlimmste, was passieren könnte. Wir könnten aber die Verkaufszahlen verdreifachen. Wir sind für die Zukunft gut aufgestellt.

MM: Gibt es Pläne, zusätzlich zum Ardbeg 10 noch eine weitere Abfüllung mit Altersangabe zum Standard-Sortiment hinzuzufügen?

Bill: Wir haben noch keine konkreten Pläne. Wir werden bald einen neuen Ardbeg herausbringen,  An Oa, aber das wird ein Produkt ohne Altersangabe werden. Ich sage weder "ja" noch "nein." Aber es wäre schön, wenn wir noch eine weitere Abfüllung mit Altersangabe haben würden, bevor ich in Rente gehe.


Zigarre und Ardbeg - passt gut!

MM: Ich habe noch eine letzte Frage übrig. Du bist vor kurzem zum Distiller des Jahres gewählt worden, und dazu möchte ich dir herzlich gratulieren. Auf welche Leistung bist du denn persönlich am meisten stolz? 

Bill: Ich kann da ganz ehrlich sein. Es ist nett, diese Auszeichnungen zu erhalten. Aber was am Ende des Tages für mich zählt, ist, dass die Kunden ihren Whisky genießen, dass sie Freude empfinden und ein Lächeln auf ihrem Gesicht liegt. Das ist für mich viel wichtiger als alle Preise. Für meinen Boss sind diese Preise sehr wichtig. Aber mein Vermächnis, auf das ich am meisten stolz bin, ist wahrscheinlich Glenmorangie Signet. Er ist eines der  revolutionärsten Produkte, die wir in der Industrie hatten, und es hat noch niemand versucht, ihn nachzubauen, weil er sehr kompiziert ist. Es gibt in Westland, in Seattle, eine Brennerei, die auch einen Chocolate-Malt macht, und ich habe mit dem Brennmeister gesprochen, und ihr Whisky war eine Hommage an Glenmorangie Signet. Das hat mich sehr gefreut.

MM: Bill, ich danke dir für dieses Gespräch, und wünsche dir noch viel Spaß hier in Berlin.





Kommentare

  1. Klasse Interview mit vielen Insiderinfos. Besonders gut hat mir die Passage "...aber das ist noch vertraulich.." gefallen!

    Danke!

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    1. Genauere Details hat er mir leider zu diesem Punkt nicht verraten, Nils, ich bin also sehr gespannt, was da kommen wird...

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